Mercedes-Benz

Geschichte(n) mit Stern

25. Oktober 2019 (Teil 2/2)

Die Preisfrage:
Uhlenhaut-Coupé oder Nummer 722?

Die Frage, welcher Mercedes-Benz Klassiker der wertvollste ist, stellt sich nicht. Sie ist bloße Theorie: Der Bestand der Sammlung von Mercedes-Benz Classic ist im Grunde unverkäuflich. Die 20,2 Millionen Euro, die ein W 196 Monoposto von 1954 bei einer Versteigerung im Jahr 2013 brachte, vermitteln allerdings eine Vorstellung, was der Klassikermarkt für wirkliche Preziosen mit Stern bei Auktionen aufrufen würde. Bei solchen Gedankenspielen nennen Experten meist zwei Kandidaten, die Rekordpreise erzielen könnten.

Der Mercedes-Benz 300 SLR mit der Startnummer 722 ist das Siegerfahrzeug von Stirling Moss und Denis Jenkinson bei der Mille Miglia 1955. Das Foto aus Brescia entstand am 1. Mai 1955.

Ein Kandidat ist aufgrund seines einzigartigen Erfolgs der Mercedes-Benz 300 SLR mit der Startnummer 722. Es ist der 1. Mai 1955 in Brescia, Italien. Als Stirling Moss mit seinem Beifahrer Denis Jenkinson über die Ziellinie der Mille Miglia rast, bleiben die Uhren bei 10:07:48 Stunden stehen. Der Silberpfeil, der um 7:22 Uhr – deshalb die Startnummer 722 – gestartet war, absolviert die 1.000 Meilen von Brescia nach Rom und zurück auf öffentlichen Straßen mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 157,65 km/h. Ein Rekord für die Ewigkeit – bis heute unerreicht. Hauptfaktoren sind, dass Moss ein absoluter Ausnahmekönner am Steuer und der 300 SLR im Jahr 1955 das beste Fahrzeug im Feld ist. Weniger offensichtlich, aber auch ein Siegesfaktor: der Perfektionismus des Mercedes-Benz Rennleiters Alfred Neubauer. Er gilt als Erfinder der Boxentafeln, die dem Fahrer während des Rennens wichtige Informationen vermitteln. Und die Archive von Mercedes-Benz Classic fördern erstaunliche Dokumente zur Mille Miglia 1955 zutage. Generalstabsmäßig plant die Rennabteilung die Logistik an der Strecke. Neubauer gibt in seinem Organisationsplan genaue taktische Anweisungen und Hinweise zum Reglement und schreibt für jedes Depot entlang der Strecke detaillierte Listen, wie viel Treibstoff, Feuerlöscher, stilles Wasser, Cognac, Vermouth, Schokolade, ja selbst Seife, Handtücher und „Closettpapier“ dort vorzuhalten sind.

Der 300 SLR ist 1955 das dominierende Fahrzeug in der Sportwagen-Weltmeisterschaft, im Prinzip ein mit zweisitziger Sportwagen-Karosserie versehener Formel-1-Rennwagen des Typs W 196 R. Der Rennsportwagen wird von einer Dreiliter-Version des Reihenachtzylinders angetrieben und verfügt über Zylinderblöcke aus Leichtmetall. Die Leistung von 310 PS sowie seine Standfestigkeit und Zuverlässigkeit machen den 300 SLR weit überlegen. Die Gesamtbilanz ist bis heute einzigartig: Der Mercedes-Benz 300 SLR gewinnt jedes Rennen, bei dem er antritt und das er beendet.

Das Uhlenhaut-Coupé.

Noch aussichtsreicher in der Pole-Position als wertvollster Mercedes – und wahrscheinlich wertvollstes Automobil überhaupt – schätzen Experten das „Uhlenhaut-Coupé“. Seinen Spitznamen erhält das Fahrzeug von Rudolf Uhlenhaut, genialer Ingenieur und Leiter der Versuchsabteilung von Mercedes-Benz in den 1950er-Jahren, der 1952 als Entwickler für den Rennsportwagen 300 SL mit seinen charakteristischen Flügeltüren verantwortlich ist. Flügeltüren besitzt auch die geschlossene Version des Rennsportwagens 300 SLR, die Mercedes-Benz für die Rennsaison 1956 entwickelt. Das feste Dach soll den Fahrern des Mercedes-Benz Teams bei den strapaziösen Langstreckenrennen besseren Schutz bieten. Diese Fahrzeuge kommen jedoch nie zum Renneinsatz, weil Mercedes-Benz 1955 nach Saisonabschluss aus dem Motorsport aussteigt. Es bleibt bei zwei Prototypen. Sie dienen als Dienstwagen für Rudolf Uhlenhaut, der ein begnadeter Fahrer schneller Sportwagen ist und mit dem Coupé Reisen in ganz Europa unternimmt. Der 300 SLR ist so robust und alltagstauglich, dass Mercedes-Benz eines der beiden Coupés im Sommer 1955 sogar der „Automobil Revue“ für Hochgeschwindigkeitsversuche und einen Langstreckentest über 3.500 Kilometer überlässt. In ihrem Testbericht lobt die Schweizer Fachzeitschrift die sicheren Fahreigenschaften des Traumsportwagens auch bei der Höchstgeschwindigkeit von 290 km/h, einem für damalige Verhältnisse herausragenden Bestwert.

New York.

Sportwagen des Jahrhunderts.

Nur ganz wenigen Autos ist ewige Jugend beschieden. Das Mercedes-Benz 300 SL Coupé ist eins davon. Im Februar 1954 wird der Wagen auf der „International Motor Sports Show“ in New York vorgestellt und avanciert schnell zur Ikone. Der beste Beweis: 1999 wird der Flügeltürer zum „Sportwagen des Jahrhunderts“ gewählt. Immer noch wirkt er frisch mit seiner flachen, eleganten Karosserie, die Fahrleistungen sind dem Supersportwagen der 1950er-Jahre würdig. Der Mercedes-Benz 300 SL entsteht zunächst als reinrassiges Rennsportauto (Baureihe W 194). Eine Serienfertigung ist nicht geplant. Doch Maximilian („Maxi“) Hoffman liegt dem Vorstand schon länger mit einem Wunsch in den Ohren: Der offizielle Importeur für Mercedes-Benz in Amerika wünscht für seine betuchte Kundschaft einen Sportwagen. Basis könne das Rennsport-Coupé sein. Nach langem Abwägen fällt die Entscheidung: Die Straßenversion des 300 SL (W 198) kommt und gleichzeitig noch ein kleinerer offener Sportwagen, der 190 SL (W 121).

Keine sechs Monate nach dem Vorstandsbeschluss sollen die beiden Sportwagen ihre Premiere feiern. Der Wettlauf mit der Zeit gelingt. Mercedes-Benz erlebt auf der Motor Show eine enorm positive Resonanz. Das Auto ist ein Publikumsmagnet, nicht zuletzt wegen seiner Flügeltüren. Sie sind Dreh- und Angelpunkt des Designs, dabei aber kein marktschreierischer Gag, sondern sie haben eine zwingende konstruktive Ursache. Denn die Aluminiumhaut des 300 SL bedeckt einen leichten Rohrrahmen, der an den Fahrzeugflanken zum Vorteil der Stabilität weit nach oben reicht – herkömmliche Türen kann man nicht unterbringen. So ersinnt man den Einstieg von oben. Im englischsprachigen Raum bekommt der 300 SL wegen seiner wunderschön ausgebreiteten Flügeltüren den Beinamen „Gullwing“ („Möwenflügel“). Die Serienproduktion beginnt im August 1954 im Werk Sindelfingen. Der Preis wird mit 29.000 Mark festgelegt – damals eine enorme Summe. Schon 1957 nach nur 1.400 Stück endet die Produktion. Doch der 300 SL fährt als lebende Legende weiter.

SL bedeutet „super-leicht“.

Frankfurt am Main.

Trotz Blankoscheck nie in Serie gebaut.

Ein visionärer Entwurf in Form, Antrieb und Werkstoffen: Der Mercedes-Benz C 111 begeistert im September 1969 bei seinem Debüt auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt am Main Fachwelt und Öffentlichkeit. Der Wankelmotor-Sportwagen geht nie in Serie und wird dennoch schnell zur Ikone. Der futuristische, keilförmige Supersportwagen gilt vielen Autofans als legitimer Nachfolger des legendären 300 SL „Gullwing“. Dazu kommt es aber nicht, obwohl hochrangige Kunden sogar Blankoschecks nach Untertürkheim schicken. Denn der C 111 bleibt ein reines Experimentalfahrzeug. Es entstehen lediglich insgesamt zwölf Exemplare der beiden Ausführungen von 1969 und 1970. Der C 111 begeistert nicht nur durch sein visionäres Konzept, sondern auch durch die für seine Epoche exzellente Leistung. Die erste Version erreicht ein Spitzentempo von 260 km/h, der C 111-II kommt sogar auf 300 km/h. In den Autoquartett-Spielen der frühen 1970er-Jahre katapultiert das den C 111 in die Liga der Spitzentrümpfe. Sogar zum Titelmotiv wird der C 111 unter anderem in den Quartetten „Die Deutschen Autos“ der Altenburger und Stralsunder Spielkartenfabrik (ASS) von 1970/71 und „Schnelle Sportwagen“ der Bielefelder Spielkarten von 1970.

Fotos: © Daimler AG, © Thorsten Scherz